Operation London Crack

Eine neue Route am Pizzo Cengalo

Matteo de Zaiacomo (Go Vertical Athlet)

aus dem italienischen übersetzt von Martino Quadrato

Den ganzen Sommer über habe ich den Ruf des Pizzo Badile gehört. Bis jetzt hatte ich ihn immer irgendwie ignoriert, und vor diesem Sommer war ich noch nie dort gewesen. Ich wollte nicht! Denn, obwohl der Berg praktisch hinter meinem Haus liegt, muss er eine ganz besondere Bedeutung für mich gehabt haben. Und vor diesem Jahr hatte ich nie die richtige Motivation gefunden, wirklich dorthin zu gehen. So hatte ich früher in diesem Sommer bereits „Hiroshima“ in der Nordostwand mit David Hefti und dann „Jumar Iscariota“ in der Nordwestwand mit Chiara Gusmeroli bestiegen. Aber dadurch fühlte ich mich keineswegs gesättigt, jeden Tag hoffte und plante ich, zum Pizzo Badile zurückzugehen. Chiara war die perfekte Begleiterin bei der Besteigung von „Jumar“ gewesen, und mit ihr hatte ich das Gefühl, dass wir beide den Ehrgeiz und die Liebe zu diesem Berg teilten, eine Synergie, die es uns ermöglicht hatte, uns sicher und schnell in einer rauen Umgebung und auf einer so komplizierten Route wie „Jumar“ zu bewegen. So begannen wir, uns gemeinsam ein grandioses, neues Projekt am Pizzo Badile auszudenken! Doch je näher die Tage rückten, desto mehr schien uns das Wetter einen Strich durch die Rechnung machen zu wollen. Wir liessen uns jedoch nicht von unserem Plan abbringen und stiegen trotzdem zur Gianetti Hütte auf. Mimmo, der authentische Hüttenwart, schaute uns ungläubig an und konnte kaum glauben, dass wir tatsächlich aufgestiegen waren. Es war Ende August und vor der Hütte hatte es geschneit, die Wände waren ganz weiss und die Wolken liessen nicht einmal einen Sonnenstrahl durch. Kurz gesagt, es war uns schnell klar, dass unser grandioser Plan nicht funktionieren konnte.

Wir waren ein wenig niedergeschlagen, und es schien in den nächsten beiden Tagen eine echte Herausforderung zu sein, überhaupt klettern gehen zu können. Chiara hat jedoch eine super positive Energie und vor dem Abendessen fingen wir an, über eine neue Route an einem Pfeiler des Pizzo Cengalo zu phantasieren. Es handelt sich um einen ziemlich steilen Teil der Wand, wo der Schnee noch nicht festsitzen konnte, und es schien uns eine gute Idee zu sein. Während des Abendessens waren wir so vertieft in das Studieren verschiedener Kletterführer, dass wir beinahe das Essen vergassen. Wir wollten herausfinden, ob die Linie, die wir uns gemeinsam ausgedacht hatten, schon von jemandem vor uns ausgedacht und bestiegen worden war. Wir fanden nichts, nur eine Besteigung des Pfeilers durch De Angeli und Mozzanica im Jahr 1972. Es kam mir seltsam vor, dass seit 50 Jahren niemand mehr diesen steilen Teil der Wand geklettert war. Unser Enthusiasmus war gross und trotz der Kälte, des Schnees und des unsicheren Wetters am nächsten Tag beschlossen wir, die Wand in aller Ruhe und ohne grosse Erwartungen anzugehen.

Am Morgen machen wir uns auf den Weg zum Pfeiler, stossen aber schon beim Zustieg auf die ersten Schwierigkeiten: die einfachen Platten, die zum Einstieg führen, sind teilweise mit Eis und Schnee bedeckt. Wir versinken bis zu den Knien im Schnee, ich schaue Chiara ungläubig an, es sollte August sein! Unten angekommen, sind wir den von den Wänden herabstürzenden Eisstücken ausgesetzt, und wir beeilen uns, um uns zu schützen. Wir klettern die ersten paar Seillängen und sind sehr zufrieden damit, wie sich dieser Aufstieg unter unseren Fingerspitzen entwickelt, es ist steil und logisch, aber auch herausfordernd genug! Wir finden die Lösung für einen Plattenabschnitt, der zwei Risssysteme verbindet, die von weitem gesehen der einzige mysteriöse Punkt zu sein schien. Wir fragen uns: “wird es Griffe haben?”. Aber im Grossen und Ganzen sind wir zufrieden und glücklich mit dem Tempo und wie wir vorankommen! Wir finden keine Anzeichen für eine vorherige Durchsteigung dieses Wandabschnitts vor: wir eröffnen eine neue Route! Das Wetter sah so aus, als würde es besser werden, aber stattdessen verdichten sich die Wolken immer mehr. Chiara zeigt ein bewundernswertes Verhalten, trotz des aufziehenden Sturms macht sie sich konzentriert und motiviert an die nächste Seillänge. Ich verfolge ihren Aufstieg vom Standplatz aus und stelle fest, dass die Wand immer steiler und griffiger wird, sie sichert sich und geht weiter bis zu einem Punkt, an dem es unmöglich wird, sich mit Friends zu sichern. Mit dem letzten Friend unter den Füssen und nun im Schneesturm klettert sie eine heikle Passage, den klassischen “Point of no return”, nimmt den Griff der Rettung, einen grossen! Dort kann sie sich für eine Weile ausruhen. Aber wie in den besten Horrorgeschichten bewegt sich auch dieser Griff ein wenig! Er ist da, um sich zu befreien! Und da es für Chiara nicht viele Alternativen gibt, behält sie einen kühlen Kopf und klettert noch etwas weiter hoch. Es wird die härteste Seillänge der Route sein! Dann wird der Schneefall dichter, die Wolke verschluckt sie und ich kann sie kaum noch sehen. Es bleibt ihr nichts anderes übrig als hinunterzukommen. Vom Einstieg bis zur Hütte laufen wir durch einen Schneesturm, aber wir sind bereit und motiviert, am nächsten Tag trotz der Kälte wieder aufzubrechen. Chiara verbringt den Rest des Abends am Pelletofen und wärmt sich wieder auf.

Am nächsten Tag ist es noch kälter, aber wir sind auch noch motivierter, unsere Route zu beenden. Wir klettern alle Seillängen, die wir am Vortag eröffnet haben. Wir folgen weiter der logischen Linie der beiden Verschneidungen, die direkt zum Gipfel zu führen scheint. Die Kletterei ist steil und die Kälte beissend, ein Teil von mir möchte sofort absteigen, ich zittere bei jeder Sicherung und verfluche mich dafür, dass ich meine schwere Jacke am Fuss der Wand gelassen habe! Chiara verkricht sich in der Kapuze ihrer Jacke und lässt nicht locker, ihre Motivation und ihr Durchhaltevermögen erlauben es uns, diese Bedingungen noch eine Weile zu ertragen. Sie ist es, die die letzte Seillänge klettert, die uns zum Gipfel dieses Pfeilers bringt. Eine kleine Ecke am Pizzo Cengalo, die wahrscheinlich in der Welt des Granits, die sie umgibt, verloren geht, die aber ihren Charakter offenbart hat, als es ringsherum unmöglich war, zu klettern.

Die Route nennen wir Operation London Crack, denn wie der britische Geheimcode für den Tod der Königin “Operation London Bridge” gibt es eine Reihe von Operationen, die durchgeführt werden müssen, wenn etwas schief läuft. Unser Projekt am Pizzo Badile war gescheitert und so begannen wir mit der Aktivierung eines würdigen Ersatzplans. Solche Tage, die uns kleine, und doch ganz grosse Abenteuer bescheren, ergeben sich aus dem Zusammenspiel von Fantasie und Leidenschaft und einem unbändigen Wunsch, sich den Bergen zu stellen.

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Chiara Gusmeroli und Matteo de Zaiacomo

Die Route blieb, abgesehen von ein paar Haken für die Standplätze, genau so, wie wir sie vorgefunden haben. Wir haben dem Felsen nichts hinzugefügt, ausser, dass das Topo eine Geschichte ist, die erzählt werden muss. So, dass jeder, der die Route wiederholt und sich dem Felsen auf gleicher Augenhöhe stellt, auch so ein Abenteuer wie wir erleben kann.

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Topo Operation London Crack
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Publish date:
Oktober 3, 2023
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