Wie aus einem Alpen Klassiker ein 23h-Abenteuer wurde

Nordkante des Piz Badile

Bericht von Ivo Becker (Go Vertical Ambassador)

Wer einmal die atemberaubende Nordkante des Piz Badile gesehen hat und selbst Klettererfahrung mitbringt, wird von dieser imposanten Route in ihren Bann gezogen. Mir erging es genauso. Die majestätischen Felswände und die Herausforderungen des Kletterns ließen mich nicht mehr los, und der Wunsch, diese Route zu bezwingen, wurde immer stärker.

Gemeinsam mit drei Gleichgesinnten fixierten wir endlich ein Datum für unser Abenteuer. Die Vorfreude war greifbar, aber auch eine leichte Nervosität lag in der Luft. Wir waren uns bewusst, dass dieser Aufstieg keine einfache Unternehmung sein würde, dennoch konnten uns nur wenige Dinge davon abhalten, uns dieser gewaltigen Herausforderung zu stellen – auch wenn es vernünftiger erschienen wäre, es vielleicht sein zu lassen.

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Blick auf die Nordkante des Piz Badile von der Capanna Sasc Furä

Uns war von Anfang an bewusst, dass dieser Unternehmung drei Tage gewidmet werden müssten: der Zustieg, der eigentlichen Klettertag und schließlich die Heimreise. Leider war es nicht für alle Mitglieder unserer Gruppe möglich, diese gesamte Zeitspanne zu investieren. Dennoch hatte uns die Faszination der Nordkante des Piz Badile so fest in ihren Bann gezogen, dass wir einen alternativen Plan fassten: Wir wollten die Nordkante mit ihren 23 Seillängen an einem einzigen Tag erklimmen und uns dann darüber abseilen. Obwohl Freunde uns davor warnten und Berichte im Internet vor den Risiken warnten, entschieden wir uns dafür – es gab auch Stimmen, die von erfolgreichen Abstiegen berichteten, und wir glaubten, dass es unsere einzige Möglichkeit war. Diese Entscheidung führte uns zu einem der längsten und intensivsten Bergsporterlebnisse. Doch beginnen wir am Anfang.

Am Freitag, dem 14.7.23, machten wir uns mit den öffentlichen Verkehrsmitteln auf den Weg nach Promontogno, Posta. In unseren Rucksäcken hatten wir unsere gesamte Kletterausrüstung sowie das notwendige Material um zu Biwakieren. Es war schon eine Weile her, dass wir uns in der Natur aufgehalten hatten, und wir sehnten uns nach einem unvergesslichen Erlebnis in der Wildnis. Zu diesem Erlebnis gehört auch das Schlafen unter dem klaren Nachthimmel.
Um 17:00 Uhr begannen wir unseren Aufstieg entlang des neuen Weges in Richtung Capanna Sasc Furä CAS. Wir waren überrascht, wie lang und anspruchsvoll dieser Weg war. Es dauerte ganze 4,5 Stunden, bis wir endlich einen gemütlichen Biwakplatz zwischen dem eigentlichen Routeneinstieg und der Hütte fanden.

Der alte Weg, der durch das Val Bondasca führt, ist mittlerweile gesperrt und nicht mehr instandgehalten. Ein Felssturz am Piz Cengalo führte zu einem verheerenden Murgang, der bis ins Dorf Bondo reichte. Trotz der Sperrung nutzen erstaunlicherweise immer noch viele Menschen den alten Weg als zustieg zur Hütte, da er deutlich kürzer und direkter ist.

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Zustieg mit Blick auf die Capanna Sasc Furä

Nachdem wir uns gestärkt hatten, begaben wir uns schlafen. Doch schon viel zu früh, um 03:15 Uhr, riss uns der Wecker aus dem Schlaf und wir machten uns bereit. Um 4:15 Uhr stiegen wir zum Routeneinstieg hinauf.

Anfangs bewältigten wir einige Kraxelstellen noch ohne Seil (2b). Diese Kraxelei führte uns an einem nicht gut geschützten Biwakplatz und dem Zustieg zur Nordwestwand vorbei. Etwa 100 Meter weiter oben entschieden wir schließlich, uns anzuseilen, da die erste kurze Kletterpassage (3b) bevorstand.

So betraten wir um 6 Uhr schließlich die eigentliche Kletterroute und wussten, dass uns 23 Seillängen bevorstanden. Dabei wurde uns bewusst, wie beliebt diese Route war, denn neben uns befanden sich zahlreiche andere Seilschaften am Berg. Anfangs ließen wir schnellere Seilschaften, oft Bergführer mit ihren Gästen, vor uns klettern. Doch bald erkannten wir, dass wir unser eigenes Tempo gehen mussten und nicht zu viel Zeit verlieren durften, denn der Weg war noch weit.

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Viele Seilschaften auf dem Weg.

Die meiste Kletterei in dieser Route liegt im Schwierigkeitsgrad 4a-4c. Wenn man sich in diesen Graden sicher fühlt, ist es sicherlich am sinnvollsten, simultan am mittellangen Seil zu klettern. Die Stände sind immer hervorragend eingerichtet, mit einem zuverlässigen “Muniring. Dadurch lassen sich auch die schwierigeren Kletterstellen gut vom Stand aus sichern. Lediglich eine kurze Kletterstelle bewegt sich im Schwierigkeitsgrad 5a+. Dies wird einem bewusst, da es auch feingriffiger wird. Obwohl wir in den anspruchsvolleren Passagen durch den Stau etwas Zeit verloren haben, erreichten wir nach 6,5 Stunden um 12:30 Uhr den Gipfel und freuten uns über unseren Erfolg. Doch unsere Freude wurde ein wenig getrübt, da uns bewusst war, dass uns der gleiche Weg noch einmal bevorstand.

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Wunderschöne Kletterei am Grat englang, mit Blick in die Tiefe.

Nachdem wir uns gestärkt hatten, brachen wir um 13:00 Uhr zu unserem Rückweg auf. Die oberen Seillängen führten nicht mehr so steil über den Grat, weshalb wir diese Passagen abklettern mussten. Dabei waren wir erstaunt, wie viele andere Seilschaften immer noch unterwegs waren, obwohl die Zeit schon fortgeschritten war. Als wir erst spät bei der Zürcher Platte ankamen (18 von 23 Seillängen), wurde mir langsam bewusst, dass der Tag noch lange nicht vorüber war.

Wir bemühten uns, unseren Fokus nicht zu verlieren und uns auf einen sicheren und effizienten Abstieg zu konzentrieren. Eine Herausforderung bestand darin, die Seillängen abzuklettern, die sich nicht gut abseilen ließen. Auch bei steileren Passagen war das Abseilen nicht ohne Risiko, da das Seil an vielen Stellen leicht verklemmen konnte. Tatsächlich geschah dies zweimal, und Jerry musste sogar nochmals hinaufklettern, um das Seil zu lösen. Obwohl wir die gesamte Route bereits einmal geklettert waren, gestaltete sich die Orientierung entlang des Grats im Abstieg nicht so einfach. Es war leicht, versehentlich zu weit auf eine Seite abzusteigen oder den nächsten Standpunkt nicht klar zu erkennen. Die Situation wurde zunehmend anspruchsvoller, als die Dunkelheit hereinbrach und unsere Sicht eingeschränkt wurde.

Dennoch ließen wir uns nicht entmutigen und hatten ein klares Ziel vor Augen: festen Boden unter den Füßen zu haben. Als wir um Mitternacht endlich die letzte Abseilstelle erfolgreich bewältigt hatten, trotz eines kurzen Regenschauers und der Dunkelheit, spürte ich eine immense Erleichterung. Nach 11 Stunden Abseilen, in denen wir uns konzentriert hatten und keine Fehler machten, waren wir körperlich und geistig bereits erschöpft.

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Abseilen über die Nordkante.

Jedoch war die Herausforderung noch nicht vorbei. Nun mussten wir die nassen Kraxelpassagen in Nebel und Dunkelheit bewältigen. Die Wegfindung wurde unter diesen Bedingungen erschwert, und wir mussten äußerst vorsichtig vorgehen, da die Absturzgefahr nach wie vor bestand. Erst als wir den Ausstieg erreichten, fiel mir ein großer Stein vom Herzen. Die gesamte Tour hatte unsere Körper so erschöpft, dass auch der restliche 500-Meter-Abstieg durch den Nebel zu einem Test unserer körperlichen Leistung wurde. Der Weg führte über große Felsbrocken, und wir mussten äußerst konzentriert bleiben, um bei jedem Schritt nicht zu stolpern. Während des stundenlangen Abstiegs hielten wir Kontakt zur Hüttenwartin, die so freundlich war, uns den Winterraum der Hütte zu öffnen. So konnten wir nach 24 Stunden, um 3:15 Uhr, übermüdet ins Bett fallen.

Am Morgen erwachten wir und alles fühlte sich surreal an, wie ein Traum. Die Sonne strahlte vor der Hütte, und erstaunlicherweise fühlte ich mich erholt. Wir hatten noch nicht wirklich realisiert, was wir geleistet hatten, aber waren froh, dass wir alle unversehrt zurückgekehrt waren. Im Nachhinein waren die Geühle einzigartig und überwältigend. Die Erleichterung darüber, das Abenteuer gemeistert zu haben, mischte sich mit einem Hauch von Unbehagen und Gedanken an die Fehler in der Planung.

Nachdem wir uns bei der Hüttenwartin bedankt und verabschiedet hatten, begannen wir unseren Rückweg nach Bondo entlang des alten Weges. Der Weg war gut machbar, und uns begegneten unzählige Menschen. Nach 2 Stunden Abstieg erreichten wir schließlich wieder unseren Ausgangspunkt, wo unser Abenteuer begonnen hatte. Wir saßen noch zusammen, ließen das Erlebte Revue passieren und spürten die Verbindung und den Zusammenhalt, den wir als Team während dieser intensiven Stunden entwickelt hatten. Es war ein Moment des Staunens, der Dankbarkeit und des Respekts für die Schönheit und Unberechenbarkeit der Natur.

Im Nachhinein würden wir die gesamte Tour bestimmt anders Planen. Es ist schade, dass wir so extrem an unsere Grenzen gekommen sind und nur wenig Zeit miteinander hatten, das gesamte Erlebnis zu genießen. Persönlich würde ich niemandem empfehlen, über die Nordkante abzuseilen! Dies ist nur für sehr erfahrene Bergsteiger geeignet, die sich sicher im 4er Schwierigkeitsgrad bewegen und das Seilhandling souverän beherrschen. Für durchschnittliche Berggänger ist diese abstieg definitiv nicht zu empfehlen.

Dennoch bleibt die Erfahrung auf der Nordkante des Piz Badile ein unvergessliches Erlebnis, das uns an unsere Grenzen geführt und uns gezeigt hat, was wir gemeinsam als Team erreichen können. Es ist eine Erinnerung, die uns für immer begleiten wird und uns lehrt, die Natur mit Respekt und Demut zu behandeln.

Abstieg

Wir empfehlen dringend vom Gipfel des Piz Badile den Abstieg über den Normalweg (Südwand) zur Gianetti Hütte zu gehen.

Sich im Hochgebirge zu bewegen, erfordert viel Erfahrung und eine gute Tourenplanung. Die Nordkante am Piz Badile kann auch mit einem lokalen Bergführer geklettert werden.

Bergsteigerschule Pontresina

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Publish date:
August 3, 2023
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