Bergsteigen im Himalaya

Was die Höhe mit uns macht.

Reto Reiser

Ein Träger lässt 50 kg auf dem Rücken leicht aussehen, medizinische Forschung auf über 6000m, Atemnotgefühle und ein Sherpa im Alkoholentzug auf 6600m; 4 Wochen Nepal hatten so einige Geschichten zu bieten. Hier ein etwas wissenschaftlich/medizinisch angehauchter Erlebnisbericht.

Meine Master- und Doktorarbeit habe ich im Bereich der Höhenmedizin geschrieben und mich entsprechend viel mit der Thematik auseinandergesetzt. So ist es nicht sehr verwunderlich, dass es mich irgendwann selbst einmal ganz nach Oben zieht. Diesen November konnte ich mir diesen Kindheitstraum erfüllen, 4 Wochen Bergsteigen in Nepal. Davon waren die ersten 2 Wochen im Rahmen einer medizinischen Forschungsexpedition (PragMax), wo ich als Proband teilnahm. Die zweite Hälfte hatte die Besteigung der Ama Dablam (6814m) zum Ziel. 

ℹ️ PragMax

Eine medizinische Forschungsexpedition von der Sportklinik Wankdorf und dem Unispital Zürich. Die Hälfte der Probanden hat zuvor einen Monat lang in einem Hypoxiezelt geschlafen. Dabei wird schrittweise der Sauerstoff im Zelt verringert und so die Bedingungen in der Höhe simuliert, mit dem Ziel, die Akklimatisationsprozesse bereits auszulösen, sodass die Höhe auf der Expedition besser vertragen wird. Dies wird bereits von einigen Extrembergsteigern gemacht, es gibt jedoch keine guten wissenschaftlichen Daten hierzu. Vor-, während und nach der Expedition wurde die Mikrozirkulation mit einem Mikroskop unter der Zunge gemessen als Mass für die Akklimatisation. Ich wurde in die Kontrollgruppe eingeteilt, also kein schlafen im Zelt vorgängig.

Forschung am Mera Peak:

So brechen wir Anfang November auf nach Nepal. 17 Leute sind wir, davon 12 Probanden und 5 Forscher, Expeditionsleitung und Bergführer. Wir steuern die Region rund um den Mount Everest an. In der ersten Hälfte besteigen wir den Mera Peak auf 6400m, dies sei das „Breithorn des Himalaya“. Zusammen mit allen Trägern und Sherpas sind wir über 50 Personen. In kleinen Etappen geht es von Lukla aus immer höher; 2800m, 3500m, 4200m, 4900m. Dies ist ein eher sportliches Aufstiegsprofil, normal sind so 400-600m pro Tag empfohlen. Auf 4900m bekommen wir dies dann auch zu spüren, ich erlebe eine meiner schlimmsten Nächte.

ℹ️ Schlaf in der Höhe

In der Höhe herrscht eine hypobare Hypoxie, das heisst durch den geringeren Luftdruck ist die Sauerstoffkonzentration in der Umgebungsluft tiefer. Daher braucht es eine intensivierte Atmung, um den Körper mit genug Sauerstoff zu versorgen. Im Schlaf wird die Atmung durch das unbewusste Atemzentrum gesteuert, welches das CO₂ im Blut misst. Durch die Hyperventilation kommt es zu einem tiefen CO₂, der Atemantrieb fehlt und man macht Atempausen bis zu 10 Sekunden. Dabei steigt das CO₂ wieder an und plötzlich setzt die Atmung schlagartig wieder ein. Durch diese periodische Atmung wacht man ständig auf. Tipp: Schlafen in einer aufrechten Position. Dadurch dehnen sich die Lungen besser aus und man kann mehr Sauerstoff aufnehmen. Zudem empfiehlt sich das Atmen durch die Nase. So wird die kalte und trockene Luft in der Höhe besser erwärmt und angefeuchtet, was für die Lunge schonender ist.


Am nächsten Tag beginne ich mit Diamox, einem Medikament, welches gewisse Stoffe mehr über den Urin ausscheidet und dadurch eine verstärkte Hyperventilation zulässt. Dieses Medikament wird von vielen Bergsteigern in der Höhe verwendet, um der Höhenkrankheit vorzubeugen. Damit geht es mir sehr gut. Nach 3 Tagen Akklimatisation steigen wir weiter auf; 5400m und schliesslich ins High-Camp auf 5800m. Von dort aus geht es auf den Gipfel auf 6400m, langsam Schritt für Schritt, ich atme nach jeder Bewegung streng. Besonders eindrücklich: strengt man sich an und vergisst im ersten Moment das vermehrte Atmen, so erlebt man ein Gefühl der Atemnot, welches ich noch nie zuvor erlebt habe. Wir machen Forschung im High Camp auf 5800m und unter dem Gipfel auf 6200m. Die Resultate sind eindrücklich, Sauerstoffsättigungen bis zu 50% des Normalwertes werden gemessen, Werte bei denen im Spital die Alarmglocken läuten. Nach dem Gipfeltag müssen viele Teilnehmer ausgeflogen werden. Viele werden von einem Atemwegsinfekt geplagt, wogegen man sich aufgrund der fehlenden Reserven in der Höhe kaum wehren kann. 

Ich gehöre zum kleinen Kreis von 5 Fitten, es geht weiter in einigen Tagesetappen über einen Pass (Amphu Labtsa, 5700m) ins Khumbu, das Haupttal, welches zum Everest führt. Nach 6 Nächten im Zelt haben wir wieder einmal eine Lodge und eine dringend benötigte Dusche. Das Panorama ist fantastisch: Everest, Lhotse und unser nächstes Ziel, Ama Dablam. Die Forschungsexpedition endet hier und das „freie Bergsteigen“ beginnt. 


ℹ️ Akklimatisation: 

Die Akklimatisation umfasst viele Prozesse. Unter anderem wird die Sauerstoffaufnahme in der Lunge verbessert, die Produktion von roten Blutkörperchen angeregt, das Blut wird dicker und so der Sauerstofftransport effizienter und einige hormonelle Veränderungen laufen ab.

Für diese Anpassungen braucht der Körper Zeit. Entsprechend sollte man auch das Aufstiegsprofil wählen. Es wird empfohlen, die Schlafhöhe um maximal 400 Höhenmeter pro Tag zu erhöhen. Die Akklimatisation hält rund 4 Wochen an, auch wenn man sich nicht mehr in der Höhe befindet.


Besteigung Ama Dablam:

So stehen wir also vor Ama Dablam, auch wenn er 2000m tiefer als der Everest ist sieht er deutlich spektakulärer aus. Das „Matterhorn vom Himalaya“, technisch einer der anspruchsvollsten Berge, aber auch einer der schönsten. Nach einigen Tagen Erholung im Basecamp auf 4600m nehmen wir den Gipfel in Angriff. Ich fühle mich blendend und bin super akklimatisiert. Meine Kletterpartnerin ist eine Bergführer-Aspirantin und ebenfalls sehr fit. Daher entscheiden wir uns für einen verkürzten Aufstiegsplan. Vom Camp 1 auf 5700m nehme ich direkt den Gipfel in Angriff. Ich verzichte auf eine Nacht im Camp 3 auf 6300m, da wir auf diese Höhe nicht akklimatisiert sind, auch kann es dort schnell mal -30 Grad kalt und sehr windig werden.

Zusammen mit dem fittesten Sherpa (= nepalesischer Bergführer) starten wir Abends um 23 Uhr und klettern die ganze Nacht im Dunkeln. Die Kletterei ist in den Expeditionsschuhen teilweise extrem anspruchsvoll und nur mit Hilfe der durchgängigen Fixseile möglich. Mit den ersten Sonnenstrahlen erreichen wir das Camp 3 auf 6300m. Meine Kletterpartnerin fühlt sich nicht gut und steigt mit einer anderen Gruppe ab. So nehme ich die letzten 500m zum Gipfel alleine mit dem Sherpa in Angriff. Ich fühle mich weiter super, mein Sherpa wird aber immer langsamer.

Nach 11 Stunden unterwegs entscheide ich mich schweren Herzens zum Abbruch, 200m unter dem Gipfel, nur eine Stunde vom grossen Ziel entfernt! Mein Sherpa bekommt nichts mehr auf die Reihe, kann vor Zittern kaum mehr einen Karabiner einhängen und atmet extrem streng nach jedem Schritt. Ich kann nicht einordnen, was genau mit meinem Sherpa los ist, er kann kaum Englisch, der Funk ins Basecamp hat keine Batterie mehr.

Frustriert und enttäuscht trete ich den Rückzug an, im Zeitlupentempo gehts wieder runter. Irgendwann steigt mir mein Sherpa wortlos davon, die letzte Stunde klettere ich alleine im Dunkeln. Nach 20 Stunden bin ich völlig fertig wieder im Camp 1, von meinem Sherpa weit und breit keine Spur. Am nächsten Tag steige ich sicher ins Basecamp ab. Es stellt sich heraus, dass mein in der Vergangenheit verlässlicher Sherpa ein Alkoholproblem hat und auf 6600m in einen Entzug gekommen ist. Was man nicht alles in der Höhe erlebt. 


Zurück in der Schweiz wandelt sich die Frustration langsam in Stolz um. Stolz zu Wissen, dass ich es geschafft hätte. Aber vor allem bin ich stolz darauf, in einer Extremsituation einen kühlen Kopf bewahrt und richtig entschieden zu haben. 

Viele Erfahrungen nehme ich mit für meine nächsten Projekte. Nun beginnt das Training für den Höhepunkt meiner Gleitschirmkarriere, das RedBull X-Alps im Sommer 2023. Als einer von nur 5 Schweizern wurde ich für den grössten und härtesten Hike&Fly Wettkampf selektioniert. Ich halte euch auf dem Laufenden.

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Publish date:
Dezember 7, 2022
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