Am Wochenende vom 20./21. Juni wurde die Einweihung des neu sanierten Kletter- und Bouldergebietes rund um die Grialetsch-Hütte gefeiert. Der SAC Davos organisierte gemeinsam mit den Hüttenwarten den Anlass «Midsummer Climb & Boulder», bei dem Spass, Geselligkeit und viel Bewegung am Fels im Mittelpunkt standen.
Picos de Europa
Mehrseillängenabenteuer in den Picos de Europa
Bericht von Tim Steffen (Go Vertical Ambassador)
Das erste Ziel unserer Spanienreise sollte zugleich eines der Highlights werden. Der Naranjo de Bulnes (2518 m.ü.M), auch Picu Uriellu genannt, ist der bekannteste Gipfel in den Picos de Europa und kann über verschiedene Routen erklommen werden. Er ziert zahlreiche Postkartensujet und ist schon von weit unten im Tal sichtbar.

Wir starteten am frühen Nachmittag mit dem Zustieg von Sotres aus, ein Dorf am Eingang des Nationalparks Picos de Europa. Da wir planten, mehrere Tage im Park zu verbringen, hatten wir nebst der Kletterausrüstung Biwakmaterial und Essen für drei Tage dabei. Die Rucksäcke waren gut gefüllt und so zog sich der Zustieg in der brütenden Hitze ziemlich in die Länge.

Nach knappen drei Stunden standen wir am Fusse des Naranjo de Bulnes, wo wir unser Zelt unter einem grossen Stein aufbauten. Es gäbe auch die Möglichkeit, im Refugio Vega zu übernachten, welches sich ebenfalls direkt unter der eindrücklichen Westwand befindet. Unter der Hütte hat es auch einen Wasserhahn, wo Wasser aufgefüllt werden kann.
Das Abendessen, bestehend aus 500 Gramm Spaghetti, etwas Tomatenpüree und viel Parmesan, verspeisten wir mit Blick auf das Nebelmeer, welches sich interessanterweise trotz der Hitze im Tal unter uns ausbreitete. Die Picos sind bekannt für ihr Mikroklima, das sich vom restlichen Tal unterscheidet.


Bevor wir in unsere Schlafsäcke schlüpften, widmeten wir uns der Tourenplanung. Wir hatten die Qual der Wahl und überlegten zwischen zwei Routen hin und her. Eine etwas anspruchsvollere, dafür direktere oder die historisch bedeutsame, klassische Route. Wir entschieden uns schlussendlich für die klassische, die Rabada-Navarro. Diese zieht durch die Schwachstellen der Westwand bis auf den Gipfel. Es handelt sich dabei um die erste Route, die in der Westwand erschlossen wurde und ist mit der Schwierigkeit 6c (6a obl.) auch die einfachste. Trotzdem darf sie auf keinen Fall unterschätzt werden, die Route muss mehrheitlich selber mit Friends, Keilen und Sanduhren abgesichert werden und ein Rückzug aus der Route ist praktisch nicht möglich. Die Standplätze sind häufig auch mit Friends oder Sanduhren zu verstärken. Zudem weist sie knapp 800 Klettermeter auf.
Am nächsten Morgen klingelte der Wecker um halb sieben. Da wir uns aber deutlich mehr im Westen befanden als in der Schweiz, war es um diese Zeit noch stockdunkel. Es blieb uns daher noch Zeit, über den Rauchgeruch zu diskutieren, den wir in der Nacht plötzlich wahrgenommen hatten. Die Waldbrände, von denen wir gehört hatten, waren nun offenbar doch näher als am Vortag angenommen. Wir kamen zum Schluss, dass wir die Route trotzdem klettern wollten. Erstens waren wir hier oben geschützt vom Feuer und zweitens waren um uns herum viele andere Kletternde und Wandernde, die ihre Touren ebenfalls angingen.
Der Zustieg vom Zelt bis zum Wandfuss dauerte knapp 20 Minuten. Von unten sah die Westwand noch eindrücklicher aus.

Kurz nach 8.00 Uhr starteten wir mit der Kletterei. Bis jetzt waren wir die einzigen Kletternden in der Westwand, was uns doch ein wenig erstaunte. Die schwierigsten Seillängen (beide 6c), warteten gleich zu Beginn auf uns. Ich startete mit der ersten 6c, die mit einer kurzen Boulderstelle (auch A0 machbar) aufwartete und ansonsten noch nicht allzu schwer war.

Elin kletterte die nächste Seillänge, eine kurze, speckige 6a Verschneidung, die den Übergang zur nächsten 6c darstellte. Es handelte sich um eine 50 Meter lange Kalkverschneidung, die einerseits speckig und für 6c ziemlich schwierig war. Ich übernahm den Vorstieg und war froh darüber, dass wir nicht nur ein Rack Friends dabei hatten, sondern die kleineren Grössen doppelt am Gurt trugen.
Als wir beide am Stand der 6c ankamen, waren wir auf jeden Fall wach und uns war bewusst, auf was für eine Route wir uns da eingelassen hatten.
Die nächste Seillänge, die wiederum Elin übernahm, war gemäss Topo zwar nur eine 6a-Verschneidung, hatte es aber in sich. Es galt, den Körper gekonnt in der Verschneidung zu platzieren und die Füsse möglichst hoch zu setzen, um sich so Zentimeter für Zentimeter nach oben zu arbeiten.

Die nächsten zwei Seillängen waren glücklicherweise etwas einfacher und richtig schön zum klettern. Im Topo sind sie mit „La Cicatriz“ bezeichnet. Dies beschreibt eine gut griffige Henkelpassage mit wenigen Füssen, die sich von links unten schräg nach rechts oben zieht und sich anschliessend in einer Tropflochplatte im besten Fels verliert.

Es war bereits 13.00 Uhr, als wir beide den Stand auf einem bequemen Felsband erreichten. Bald würde die Sonne in die Westwand scheinen, bis jetzt konnten wir schön im Schatten und im Langarmshirt klettern. Wegen dem Rauch, der in der Luft war, wurde das Sonnenlicht gefiltert und tauchte die Umgebung in ein rötliches Licht.
In einfacherem Vierergelände, wo es vor allem um die Wegfindung ging, zog sich die Route weiter bis zum berühmten 6a+ Quergang.
Bis jetzt hatten wir in der Route praktisch keine Bohrhaken vorgefunden und wussten nun auch, warum. Diese waren alle für den Quergang aufgespart worden, worüber wir aber nicht unfroh waren. Es wäre nämlich schwierig gewesen, diesen selbst abzusichern. Elin übernahm die Seillänge und stieg nach der letzten 6a mit einem etwas mulmigen Gefühl ein. Doch der Quergang stellte sich als wunderschön und ziemlich einfach zu klettern heraus. Ab und zu fein hinstehen, das richtige Tropfloch mit den Fingern erwischen und schon ist der Stand erreicht.

Wir waren nun seit sechs Stunden in der Wand, hatten aber erst acht der insgesamt 16 Seillängen gemacht. Je nach Topo, das konsultiert wird, sind es mehr oder weniger Seillängen, die Route bewegt sich zwischen 15 und 22 Seillängen insgesamt.
Es sollte nun aber deutlich einfacher werden, die folgenden Seillängen waren alle mit 5+ oder einfacher bewertet. Zuerst folgte aber noch ein kurzes Abseilintermezzo. Als Elin sich zu mir an den Stand abseilte, rief sie mir etwas wegen unserem Zelt zu und zeigte mit dem Finger nach unten. Und tatsächlich: Unser Zelt war, wieso auch immer, nicht mehr in der Biwakbucht! Hier oben in der Wand windete es ziemlich stark und unten offenbar auch. Wir konnten hier mitten in der Wand aber nichts ausrichten und so blieb uns nur zu hoffen, dass es nicht Richtung Tal gewindet werden würde und dass die Zeltstangen ganz blieben.

Die nächste Seillänge ist einfaches Gehgelände, um an den Fuss einer grossen Verschneidung zu gelangen. Diese führt in zwei Seillängen auf einen Turm, den es anschliessend in einfachem Dreiergelände wieder abzuklettern gilt. Obwohl die Kletterei an sich nicht schwierig ist, ist es nicht ganz einfach, gute Placements zu finden. Während dem Klettern schauen wir ab und zu nach unten zu unserem Zelt, das sich glücklicherweise immer noch ungefähr am gleichen Ort befindet.
Nach dem Abklettern folgt noch einmal eine strengere Seillänge. Es müssen zwei Bäuche in relativ scharfem Fels überwunden werden. Die nächsten beiden Seillängen im Viererbereich können gemäss Topo gut zusammengenommen werden.

Elin ist wieder dran mit dem Vorsteigen und findet auch problemlos den ersten Stand. Da noch genügend Seil vorhanden ist, beschliesst sie, an diesem vorbeizuklettern und die nächste Seillänge gerade auch noch dranzuhängen. Da im einfacheren Gelände weder Schlaghaken noch Schlingen vorhanden sind, ist die Wegfindung nicht ganz einfach. Als das Seil aus ist, ist sie noch nicht am nächsten Stand und muss die ganze Seillänge wieder abklettern. Statt links zu halten wäre die Route direkt über den Grat weiter hochgegangen. So verlieren wir einiges an Zeit, was wir in den letzten beiden Seillängen durch sehr schnelles Klettern wieder versuchen wettzumachen.

Schlussendlich erreichen wir den Gipfel des berühmten Naranjo des Bulnes um Punkt 19.00 Uhr, nach knapp elf Stunden durchgehender Kletterei. Wir verbleiben aber nicht lange dort oben, machen nur kurz ein Selfie und beginnen dann bereits mit dem Abstieg.

Im Zweiergelände, das zwar einfach, aber ausgesetzt ist, müssen einige Meter abgestiegen werden, um den Abseilstand in der Südwand zu erreichen.

Mit unseren 60m Halbseilen können wir problemlos über die Abseilpiste abseilen und haben kurz nach 20.00 Uhr den Wandfuss erreicht.
Wir nehmen die Seile zusammen, verpacken das Klettermaterial im Rucksack und machen uns dann auf den Rückweg zu unserem Zelt, der noch einmal etwa eine Stunde geht. So kommen wir ziemlich erschöpft, aber sehr zufrieden und glücklich, um 21.00 Uhr bei unserem Zelt an. Dieses hat glücklicherweise den Ausflug ohne Schaden überlebt.
Die Besteigung des Naranjo de Bulnes über eine Route von 1962 war ein richtiges Abenteuer. Obwohl es für uns beide manchmal etwas nervenaufreibend war und an einigen Stellen etwas Mut brauchte, würden wir es sofort wiedermachen! Leider mussten wir den Nationalpark am nächsten Tag bereits am Morgen wieder verlassen, da sich die Feuer weiter ausgebreitet hatten und der Park geschlossen wurde. Glücklicherweise hatten wir dann vier Wochen später erneut die Gelegenheit, eine Route in den Picos de Europa zu klettern, aber das ist eine andere Geschichte
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