Stetinden das Matterhorn von Norwegen

Bericht von Ivo Becker (Go Vertical Ambassador)

Der Stetinden, oft als das Matterhorn von Norwegen bezeichnet, erhebt sich mit einer unvergleichlichen Eleganz über die Fjorde und Wälder des Nordens. Seine unverwechselbare Form, die sich wie ein riesiges Segel in den Himmel reckt, zog uns sofort in ihren Bann, als wir ihn zum ersten Mal auf einem Bild erblickten. Die Route über den Südgrat versprach ein Abenteuer, das sowohl Mut als auch Geschicklichkeit erfordern würde. Doch wir standen vor einer Herausforderung: Wir hatten bisher noch nie Trad geklettert und waren nicht vertraut mit den mobilen Sicherungsgeräten, die für eine solche Tour unerlässlich sind. Der Gedanke, den Stetinden zu bezwingen, erschien uns daher zunächst als ein unerreichbarer Traum.

Unsere Ferien auf den Lofoten, einer atemberaubenden Inselgruppe in Norwegen, boten jedoch die perfekte Gelegenheit, unsere Kletterfähigkeiten zu verbessern. Umgeben von der rauen Schönheit der Granitfelsen und den endlosen Sommernächten, begannen wir, uns mit den Techniken des Tradkletterns vertraut zu machen. Die zahlreichen Granitklettertouren, die wir in dieser Zeit unternahmen, stärkten nicht nur unser Vertrauen in die Ausrüstung, sondern auch in unsere eigenen Fähigkeiten. Mit jedem erfolgreichen Aufstieg wuchs unser Mut und unser Verlangen, den mächtigen Stetinden zu erobern.

In der Nacht vom 13. auf den 14. Juli wagten wir schliesslich den Aufstieg über die 13 Seillängen des Sydpilaren** vom Stetinden. Die Vorbereitungen für dieses Unternehmen waren gründlich: Wir nahmen uns viel Zeit, um den richtigen Einstieg zu finden, wohl wissend, dass der Erfolg unserer Besteigung von einem guten Start abhing. Auch während des Aufstiegs liessen wir uns nicht hetzen. Jeder Meter wurde mit Bedacht genommen, jede Hand- und Fussbewegung sorgsam gesetzt. Die Route war eine faszinierende Mischung aus einfachen Kletterstellen, die uns willkommen hiessen, und eindrucksvollen Rissen, Pfeilern, Platten und Kaminen, die all unsere Aufmerksamkeit forderten. Nach 7 1/2 Stunden intensiver Anstrengung standen wir schliesslich auf dem Gipfel. Die riesige Fläche des Gipfelplateaus lag friedlich unter dem endlosen Himmel, und wir genossen die seltene Erfahrung, um 07:00 Uhr morgens ganz allein dort zu sein.

Das Klettern in der endlosen Dämmerung der norwegischen Sommernacht war ein Erlebnis, das wir niemals vergessen werden. Die Sonne, die nie ganz untergeht, tauchte die Landschaft in ein magisches Licht, das vom satten Orange des Sonnenuntergangs in die goldenen Töne des Sonnenaufgangs überging. Einzig die Erkenntnis, dass wir auf dem südexponierten Grat die ganze Nacht hindurch keinen Sonnenstrahl abbekommen würden, trübte unsere Freude ein wenig. Doch dafür erlebten wir die Ruhe und Einsamkeit einer Welt, die nur uns zu gehören schien.


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riesiges Gipfelplateau

Die Nacht des Kletterns forderte ihren Tribut, und am Ende des Aufstiegs fühlten wir die Erschöpfung in jeder Faser unseres Körpers. Doch die Konzentration durfte uns nicht verlassen, denn der Abstieg über den Südostgrat lag noch vor uns. Zwar bot dieser Abschnitt keine schwierigen Kletterstellen mehr, doch die Exponiertheit des Geländes machte jeden Schritt zu einer potenziellen Gefahr. Ein Fehltritt hätte hier tödliche Folgen haben können, und so gingen wir mit der gleichen Sorgfalt vor, die uns schon beim Aufstieg begleitet hatte.

Endlich, nach vielen Stunden, erreichten wir den Parkplatz, wo unsere Tour begonnen hatte. Insgesamt hatten wir zu dritt 14 Stunden für die gesamte Unternehmung gebraucht. Es war eine körperlich und mental herausfordernde, aber auch zutiefst lohnende Erfahrung, die uns in vielerlei Hinsicht bereichert hatte. Zum Abschluss gönnten wir uns eine Erfrischung in einem klaren Bergbach, dessen kaltes Wasser unsere müden Körper belebt und unsere Seelen befriedigt hat. Dieser letzte Akt des Tages rundete das Abenteuer ab und hinterliess in uns das Gefühl, etwas Einzigartiges erlebt zu haben – ein Erlebnis, das für immer in unseren Herzen bleiben wird.

Bergsteigerschule Pontresina

Sich im den Bergen zu bewegen, erfordert viel Erfahrung und eine gute Tourenplanung.

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Publish date:
August 16, 2024
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