Piz Palü über die Fortezza

mit grossem Finale

Bericht von Ivo Becker (Go Vertical Ambassador)

Am 10.05.2024 erfüllte sich ein Ziel von Franziska und mir: die Überquerung der Fortezza zum Piz Palü. Spontan beschlossen wir am Mittag, uns mit Biwakausrüstung auf dieses Abenteuer einzulassen. Um halb acht abends starteten wir an der Diavolezza-Talstation und machten uns auf den Weg zu einem geeigneten Biwak-Schlafplatz. Trotz Franziskas Angst, unterwegs zu verhungern, erreichten wir zufrieden und gut genährt um 22:30 Uhr unsere Schlafsäcke. Der Wecker klingelte um 4:30 Uhr, und nach schnellem Zusammenpacken fuhren wir um 5:15 Uhr zum Gletscher hinunter. Wir waren nicht allein: Ein Meer von Stirnlampen erleuchtete die Dunkelheit, die noch von ein paar Sternen durchbrochen wurde. Unterhalb des Piz Trovat zogen wir die Felle an und überquerten den Gletscher in Richtung Fortezza. Atemberaubend war der Anblick der ersten Sonnenstrahlen, die das Ostface des Piz Palü erhellten und unser Ziel im Glanz des Morgenlichts erscheinen liessen.

Der Aufstieg zur Fortezza verlief zügig, und wir benötigten nicht einmal Harscheisen. Um 7:30 Uhr, nach einer kurzen Pause, kletterten wir mit den Skiern auf dem Rucksack los. Mit zwei verlängerbaren Exen, einigen Bandschlingen und Schraubkarabinern ausgerüstet, machten wir uns an die verschneite Fortezza. Immer wieder kamen kurze Kletterpassagen, die wir im Vorstieg bewältigten, und Abschnitte, bei denen wir am langen Seil mit Zwischensicherungen gingen. Die Luft war klar, der Himmel blau, und die Sonne stieg langsam höher.

Die Kletterstellen waren dank einiger Stände und Bohrhaken gut zu bezwingen. Nur beim letzten kurzen Aufschwung fühlte ich mich unwohl. Franziska sicherte mich mit einem HMS, und ich hatte eine Exe eingehängt. Doch dann kam ein Abschnitt, der mich forderte. Unsicher, ob ich nach links über die Flanke oder direkt über den Grat klettern sollte, wurde ich zögerlich. Der letzte Haken lag schon einige Meter unter meinen Füssen, und ich wollte kein Risiko eingehen und stürzen. Ein Fehltritt hätte schwerwiegende Folgen haben können. Schliesslich entschied ich mich, dem Grat direkt zu folgen, und war erleichtert, als ich den Stand erreicht hatte.

Die Zeit verflog auf dem Grat wie im Flug und es war schon 09:30. Danach war es eine Wohltat, eine Pause einlegen zu können. Wir genossen einen kleinen Snack und schnallten die Skier wieder unter die Füsse. Die Luft wurde dünner und der Schnee pulvriger. Es war ein wunderschöner Tag, und wir stiegen über die Fuorcla Bellavista hinter dem Piz Spinas hinauf. Nach einer kurzen Passage, bei der wir die Skier nochmals tragen mussten, erreichten wir den Rücken zum Piz Palü.

Entgegenkommende Bergsteiger warnten uns vor starkem Wind, doch zu unserer Überraschung war es windstill. Die Aussicht war atemberaubend, mit Wolken, die sich unter uns erstreckten. Die Stille und Schönheit der Landschaft waren überwältigend und gaben uns neue Energie für den Abstieg.

Bis jetzt waren wir ziemlich alleine unterwegs, doch auf dem Normalweg strömten Scharen von Bergsteigern in Richtung Piz Palü. Ich gönnte es jedem Einzelnen, an diesem wunderschönen Tag auf dem Piz Palü zu stehen. Die Aussicht war phänomenal!

Doch mein persönliches Highlight stand noch bevor. In den letzten Tagen konnte ich von Samedan aus immer wieder einen atemberaubenden Blick auf die verschneite Nordostflanke des Vorgipfels des Piz Palü (P.3883 m.ü.M.) erhaschen. Der Anblick weckte in mir den Traum, dort hinunterzufahren. Auch die Webcam zeigte vielversprechende Bedingungen. Als wir schliesslich auf dem Vorgipfel standen, sahen wir, dass bereits einige Abfahrten Spuren hinterlassen hatten. Franziska und ich sprangen in unsere Bindungen und machten uns bereit.

Das Ostface bot uns herrlichen Powder, und die Abfahrt war ein beflügelndes Erlebnis. Den steilen Hang hinunterzufahren fühlte sich an, als würden wir schweben. In jeder Kurve spürten wir die Kräfte, die uns vorantrieben – es war ein lebendiges, intensives Gefühl, das uns tief erfüllte.

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Abfahrt Nordostface Piz Palü

Danach fuhren Franziska und ich zurück zum Ausgangspunkt am Piz Trovat. Um die Skier aufzufellen, wählten wir einen Bereich unterhalb der Felsen, um nicht Gefahr zu laufen, von einer Nassschneelawine erfasst zu werden. Es war ein echter Kampf unter der brennenden Sonne, die letzten Meter hinauf zur Diavolezza-Bahn zu bewältigen. Doch oben angekommen, waren wir erleichtert, dass alles reibungslos verlaufen war und wir ein solch grossartiges Abenteuer erleben durften.

Mit dem Biwak-Material auf dem Rücken fuhren wir auf schönem Sulz zur Diavolezza-Talstation hinunter. Per Autostopp wurden wir nach Pontresina gebracht, wo wir uns mit einer köstlichen Pizza belohnten. Was für ein Erlebnis!

Diavolezza Bergstation – Fortezza – Piz Palü – Diavolezza Talstation

  • Distanz: 17.93km
  • Höhenzunahme: 1522m
  • Verstrichene Zeit: 9h 43min

Bergsteigerschule Pontresina

Sich im Hochgebirge zu bewegen, erfordert viel Erfahrung und eine gute Tourenplanung. Der Piz Palü und der Piz Bernina können auch mit lokalen Bergführern bestiegen werden.

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Publish date:
Mai 22, 2024
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