Eisklettern am Thron im Avers

Martino Quadrato

Wie alles begann

Es ist ein Tag wie viele andere, in der Bibliothek in Mailand, während ich meine Masterarbeit schreibe. Irgendwann bekomme ich eine Nachricht von Marcel: Er fragt, ob ich Zeit zum Klettern habe. Auch wenn die Uhr tickt und die Abgabe der Arbeit immer näher rückt, kann ich auf keinen Fall Nein sagen. Ich denke keinen Moment darüber nach und sage zu. Ich habe Marcel bereits bei einem seiner Abenteuer hinter dem Haus begleitet und weiß schon jetzt, dass man an einem Tag wie diesem mehr lernen kann als in einem Jahr mit anderen Kletterkollegen.

Nach der ersten Begeisterung beginnen die Sorgen ein wenig; man weiss, dass Marcel auf seinem Gebiet extrem stark ist. Ich habe einen Tag vor mir, an dem ich viel lernen kann, an dem ich aber auch mein Bestes geben muss. Ich fange an, an alles zu denken, was ich brauchen werde, um auf alles vorbereitet zu sein und dass ich meine übliche Vergesslichkeit zu vermeiden. Denn wenn man mit einem Bergführer unterwegs ist, ist es besser, keinen schlechten Eindruck zu machen!

Kurz darauf schreibt er mir, welche Linie er zu klettern gedenkt. Ich tue so, als würde ich sie kennen, aber in Wirklichkeit ist das nicht der Fall; ich stürze mich auf Google und lese alle Topos, die mir in die Hände fallen. Nun, wie soll ich es sagen, es sieht wirklich steil aus! Aber ich weiss, dass ich in guten Händen bin und mache mir keine allzu großen Sorgen, auch wenn die letzten paar Seillängen verdammt senkrecht aussehen. Unserem Superfotografen Johnny gelingt es sogar, die Schwindel erregende Atmosphäre dieses Eisfalls in seinen Bildern einzufangen!

Das hätte nicht passieren dürfen

Es ist Zeit, Mailand zu verlassen und nach Pontresina zu fahren; ich packe das ganze Material zusammen und steige ins Auto. Am Nachmittag nutze ich noch die Gelegenheit, um im Laden meine Eispickel und Steigeisen zu schärfen, bevor es los geht. Kaum nehme ich die Eisenfeile in die Hand und fange an, meine Eispickel zu schärfen, kommt Marcel in die Werkstatt und sieht, wie ich die Feile benutze, als würde ich zur Maniküre gehen. Genau das ist der schlechte Eindruck, den ich eigentlich vermeiden wollte. Mit viel Geduld und Bescheidenheit erklärt er mir, nachdem er mich ein wenig geneckt hat, wie man sie richtig schärft. Es kommt nicht jeden Tag vor, dass eine solche Legende erklärt, wie man es richtig macht – aber bei Go Vertical ist alles möglich!

Los geht’s!

Nun ist alles bereit und der Tag bricht an. In der Nacht davor ist mir ein bisschen übel, aber sobald ich im Bett liege, schlafe ich ein und am nächsten Morgen bin ich in Topform. Die Abfahrt ist sehr früh, aber schon im Auto beginnen wir zu reden. Johnny (unser Fotograf) ist endlich wieder im Engadin und es gibt so einiges zu Erzählen. Wir sind beide ziemlich aufgeregt während Marcel scheinbar seine Ruhe bewahrt. Wir können aber die Begeisterung in seinen Augen sehen, sobald die ersten Eisströme in Sicht kommen.

John und ich nutzen die Reise, um so viele Fragen wie möglich zu stellen, von Sicherheitsfragen bis zu aktuellen Verhältnissen und schönen Linien. Leider bekommen wir aus ihm keine Geschichten über seine Abenteuer als Bergsteiger und Bergführer heraus. Tatsächlich ist es sehr selten, dass Marcel anfängt, über diese Geschichten zu sprechen.

Gleich sind wir am Fusse des Eisfalls, wo der Ernst des Tages beginnt: Johnny zückt seine Kamera und fängt an zu filmen. Nach einer Reihe von Aufnahmen fühle ich mich vor der Kamera fast schon wohl, und ich werde ein bisschen zum Poser. In zwei Sekunden ist das Seil bereits am Standplatz, jetzt sind wir an der Reihe zu klettern.

Unglück auf dem Weg nach oben

Wir machen uns auf den Weg und versuchen, so schnell wie möglich zu sein, denn die ersten beiden Seillängen sind ziemlich mager und der Tod für unsere Waden. Sie brennen furchtbar, aber irgendwie ziehen wir uns hoch. Schon in der ersten Seillänge werde ich wachgerüttelt, denn die Bewegung des Seils zieht ein kleines Stück Eis herunter, das sich direkt in mein Auge bohrt. Nach einem kurzen Moment, in dem ich auf italienische Art und Weise fluche, bin ich bereit, weiterzuklettern.

Aber kaum hatte ich mich entschlossen, wieder anzufangen, machte ich den Fehler, zu lange nach oben zu schauen, und ich wurde erneut bestraft. Vielleicht diesmal direkt vom Himmel für all die bösen Worte, die ich gesagt hatte. Die nächsten Seillängen gingen alle schmerzlos über die Bühne, bis wir uns dort wiederfanden, wo das eigentliche Spiel begann.

Oben angekommen

Marcels Schweizer Mentalität bewährt sich und so fordert er uns bald auf, uns zu bewegen und abzuseilen, denn es ist Zeit für ein paar Luftaufnahmen. Also machen wir uns wieder an die Arbeit; wir montieren das Fixseil und fliegen die Drohne. Wir seilen uns etwa zwanzig Meter ab und sind mitten in den Dreharbeiten. Der Drehort ist wunderschön und wenn man hinunterschaut, sieht man, wie der ganze Thronhang langsam immer sanfter wird, bis er unten im Tal endet. Meine Aufgabe ist jetzt zum Glück ganz einfach, ich muss mich nur zurücklehnen und die Show genießen. Marcel klettert wieder auf den Stand und aus heiterem Himmel wird er sogar zum Weihnachtsmann! Diese Wendung war mir entgangen, ich hatte nicht bemerkt, dass jemand ein Weihnachtsmannkostüm trug. Das sind in der Tat die lustigsten Aufnahmen, die uns zum Lachen bringen.

Es ist Zeit zu gehen

Aber wir dürfen nicht vergessen, dass wir mit einem Schweizer zusammen unterwegs sind; der Spass ist vorbei und wir müssen runter. Dann wird Marcel, der an einer ernsten Krankheit leidet, nervös – ich glaube, die Krankheit ist unter Bergführern weit verbreitet -, sie besteht aus der Angst, das Abseilen nicht so schnell wie möglich zu schaffen, das heisst wenn das Abseilen nicht in Rekordzeit geschafft wird, wird er (wie vermutlich auch alle anderen Bergführer) ein wenig unruhig. Also stürzen wir uns mit vollgas auf das Abseilen. Ich bin ganz erstaunt über die Geschwindigkeit, mit der er die Abalakov-Eisuhr aufbaut. Ich bin sogar noch erstaunter, wenn ich daran denke, wie lange ich brauche, um eine zu machen – ein Leben lang wäre wahrscheinlich nicht genug. Wir haben noch nicht einmal Zeit, darüber nachzudenken, und schon sind wir am Boden.

Schnell gehen wir zum Auto, teilen das Material auf und fahren nach Hause. Im Auto fährt er fort, uns alle Eisfälle des magischen Averstal zu zeigen, welchese ich so in der winterlichen Form noch nicht kannte. Es ist wie eine Führung durch ein Museum; es ist wirklich schön, die Dinge mit den Augen von jemandem zu sehen, der jeden Tag und mit so viel Leidenschaft lebt. Wir verlieben uns in das Tal und planen bereits, dorthin zurückzukehren. Aber natürlich wird uns die tropische Hitze davon abhalten, dies zu tun. Eine kurze Pause im Go Vertical Outlet in Tiefencastel, wo Lorant uns mit leckerem Kaffee empfängt, gerade genug Zeit, um etwas zu essen, und schon sitzen wir wieder im Auto. Ab hier sind wir alle zu müde um zu Reden; der Tag ist offiziell vorbei!

Publish date:
Januar 16, 2023