Im Dezember 2025 liessen wir uns für eine Woche in der Auberge Café Rueda in Al Oued in der Provinz Chefchaouen nieder. Es handelt sich dabei um eine Region im nördlichen Rifgebirge, in der nebst Sportkletterrouten auch richtige Mehrseillängenbijoux auf WiederholerInnen warten.
Badile “EstCombo”
Bericht von Simone Porta
Warum kehrt man auf einen Berg zurück, wenn man ihn schon dutzende Male bestiegen hat?
Diese Frage hat natürlich keine Antwort… Wahrscheinlich ist das, was uns antreibt, unsere Leidenschaft, das Feuer, das in uns brennt und das uns mitten in der Nacht aufstehen, zum Klettern aufbrechen und lebendig fühlen lässt!
Aber vielleicht ist es müssig, viel über eine Antwort nachzudenken, wenn der erwähnte Gipfel Badile heisst.

Mit dem Ende des Sommers leeren sich beide Seiten dieses Berges, die Stimmen der Seilschaften verstummen und es herrscht Ruhe, Leere: Alles steht still, wie in einem Foto erstarrt, ohne Bewegung, ohne Lärm.
Der erste Herbstschnee klebt an den Wänden und scheint wie von selbst neue Kletterrouten zu zeichnen. Alles hat einen besonderen Zauber, den eines Abenteuers, so nah an all unseren Annehmlichkeiten und gleichzeitig so weit weg von den beliebtesten und übervollen Zielen der Westalpen oder der südlichen Hemisphäre, mit anderen Worten, eine Welt für sich, echt und authentisch.
Vielleicht ist dies die Antwort auf unsere Frage.
Mit diesen Argumenten gilt es nur noch den richtigen Moment abzuwarten, um aufzubrechen… Die Bedingungen sind in diesem Herbst ungewöhnlich, sehr trocken bis auf eine Höhe von 2800 Metern, sehr gut im oberen Bereich, dank des Septemberschnees und der milden Temperaturen im Oktober und November. Die Ostwand des Badile scheint das Richtige zu sein: Die Einstiege befinden sich auf der Westseite des Cengalo-Couloirs, zwischen 2700 und 2800 Metern.
In dieser Wand verläuft auch die Engländer-Route, an der ich bereits 2023 bei der ersten Winterbegehung in einem Tag mit Marcel (Schenk) ein grosses Erlebnis hatte. Ihm und seinem Vorschlag von 2023 habe ich es zu verdanken, dass ich diesen Berg im Winter kennengelernt habe.
Wenige Tage nach unserer Begehung der Engländer-Route unternahm Marcel mit David (Hefti) die erste Winterbegehung der Corti-Battaglia-Route.
Zwei Routen verbleiben also in der Wand: eine Route, die 1975 vom grossen Igor Koller (jener der Route “Weg durch den Fisch” an der Marmolada) eröffnet worden war und die Diretta del Popolo, 1987 von Tarcisio Fazzini eröffnet, beide noch nie in Eisklettertechnik begangen. Mit der Absicht, möglichst genau den Eisformationen in der Wand zu folgen, entsteht meine Idee, den ersten Teil der Diretta del Popolo zu klettern und dann direkt über die Corti-Route zum Ostgrat weiterzugehen.
Eines Morgens Ende November erhalte ich eine Nachricht von Giacomo Mauri, einem vielversprechenden jungen Mitglied der Ragni di Lecco, den ich nur vom Sehen kannte.
Ich erläutere ihm mein Vorhaben, und er stimmt mit grosser Begeisterung zu; jetzt müssen wir nur noch das richtige Zeitfenster mit gutem Wetter finden, das in der Woche darauf eintrifft.
Wir beschliessen, über die fast schneefreie Südflanke auf- und abzusteigen und im eiskalten Winterraum des Rifugio Gianetti zu schlafen.
So treffen wir also morgens im Val Masino ein und machen uns, nachdem wir unser Material vorbereitet haben, auf den Weg zum Rifugio Gianetti, das wir in etwas mehr als zwei Stunden mühelos erreichen. Nachdem wir einen Teil unseres Materials zurückgelassen haben, gehen wir zum Colle del Cengalo, um uns die Wand anzusehen und einen Teil unseres Klettermaterials dort zu deponieren.
In einer lauen Sonne erreichen wir den Sattel.
Nun müssen wir in das Cengalo-Couloir absteigen: Im Sommer und ohne Schnee sind die Verankerungen der drei, vier Abseilstellen leicht zu finden, aber jetzt ist alles zugedeckt… Nachdem wir einige Stände instandgesetzt und den eigentlichen Einstieg erreicht haben, kehren wir mit einem leichten, aber anstrengenden Aufstieg zum Sattel zurück, wo wir unsere gesamte Ausrüstung zurücklassen, und von hier hinunter zur Gianetti-Hütte, die wir mit dem letzten Licht erreichen.
Der Abend vergeht langsam, ist aber nicht zu kalt, und nach dem Abendessen gehen wir ins Bett, um ein paar Stunden zu schlafen.
Am Morgen, nach einem schnellen Frühstück, öffnen wir die Tür der Hütte und stellen erstaunt fest, dass es in der Nacht geschneit hat und dass es immer noch schneit…

Um 4.45 Uhr machen wir uns trotzdem auf den Weg zum Sattel, wenn auch nur mit der Absicht, unsere Ausrüstung zu holen, falls sich das Wetter nicht bessern sollte.
In Richtung Süden ist der Himmel sternenklar, auch über uns; wir fragen uns, woher der Schnee kommt, doch es schneit weiterhin leicht… Am Sattel angekommen, bereiten wir uns auf den Abstieg vor, und nach einem kurzen Wettercheck (der einige Restniederschläge anzeigt, aber nur weiter nördlich), beginnen wir den Abstieg im Cengalo-Couloir, indem wir unseren Spuren folgen, die jetzt fast vollständig mit Schnee zugedeckt sind.
Wir erreichen den Fuss der ersten Seillänge mit dem Morgengrauen, es hat aufgehört zu schneien, und der Himmel ist wolkenfrei.
Nachdem er einen Standplatz eingerichtet hat, macht sich Giacomo an die erste Seillänge, die senkrecht und anspruchsvoll ist. Es folgen vier weitere technische und schwierige Seillängen, bei denen die Absicherung nicht immer einfach und die Kletterpassagen nie banal sind. Die Hauen unserer Eispickel halten im Riss fest, der die Richtung des Aufstiegs vorgibt, und die Frontzacken unserer Steigeisen krallen sich auf die Granitkristalle.









Die Wand verliert nicht an Steilheit, und nachdem ich einen Standplatz errichtet habe, lasse ich Giacomo nachkommen. Von hier aus sehen wir, dass die Wand 20 Meter weiter oben mit Eis bedeckt ist, ein Zeichen dafür, dass die Neigung dort abnimmt.

Ich mache mich wieder auf den Weg und erreiche in anspruchsvoller Kletterei leichteres, mit Schnee und Eis bedecktes Gelände. Beim Blick nach oben sehe ich unsere Ausstiegsroute, die uns nach weiteren 200 Metern spannender Kletterei zum Ostgrat führen wird, eine Belohnung für die Anstrengung im unteren Teil, ein Genuss für Körper und Geist, ein Traum!
Um 15:30 Uhr sind wir auf dem Grat, eine milde Sonne wärmt uns auf. Von hier aus erreichen wir in etwa 45 Minuten die Gipfelpyramide, die vom Nordwind gepeitscht wird und zugleich in einem unwirklichen Licht erstrahlt.

Ein besonderer Moment … Wir schauen uns nach dem Fotografieren an und machen uns im Bewusstsein, dass es bald dunkel wird, an den Abstieg auf dem Normalweg.
Mit perfektem Timing erreichen wir das Ende der Schwierigkeiten mit dem letzten Licht.




Von hier an ist alles nur noch eine Frage der Beine…
Nach weiteren 4 Stunden stehen wir vor dem wohlverdienten Bier, das uns netterweise von Piri (Simone Pedeferri) in der Bar Monica in San Martino angeboten wird, der würdige Abschluss für ein tolles Abenteuer hinter der Haustür!
Vielen Dank an Christine Kopp für die Übersetzung von Italienisch auf Deutsch!

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