Skitour auf den Tinden in Norwegen

Die Fahrt in den hohen Norden und ein Gipfelziel

Alpineracer-Team (Tim, Seya und Cyrill)

Als sich das Alpineracer-Team (Tim, Seya und Cyrill) Mitte 2022 das Ziel setzte im Februar 2023 mit einem Oldtimer BMW ans Nordkap zu fahren, war bereits früh klar, dass wir unsere Tourenski mitnehmen, um einen norwegischen Berg zu erklimmen.

Da das Budget durch die vielen Modifikationen an seinem BMW für Tim vor Antritt der Reise eingeschränkt war, schien der Kauf eines neuen Touren-Setup unmöglich. Doch Go Vertical kam zur Rettung. Das Team von Go Vertical war begeistert von unserer Mission und gab uns allen ein Budget, mit welchem wir uns für das raue Klima ausstatten konnten. Somit konnte auch Tim mit neuen Black Crows Corvus Ski die Reise in den Norden antreten.

Am siebten Tag der Reise war es dann so weit. Der am Vortag überquerte Polarkreis gab uns bereits einen Vorgeschmack darauf, was uns erwarten wird in Bezug auf das Klima. Minus 24 °C beim Polarsirkelsenteret (Polarkreis-Center)! Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wussten, das Wetter würde sich über Nacht drastisch ändern. Eine Warmfront rollte vom Westen auf die Westküste von Norwegen zu, welche bis tief in das Landesinnere die Temperaturen steigen liess.

Der Besitzer der Hütte, welche wir für 2 Tage gebucht hatten, warnte Seya per Airbnb-Direktnachricht über die Verhältnisse, die wir am kommenden Tag antreffen würden. Jedoch auf sehr norwegische Art, höflich und nicht 100% direkt. Die Wettermeldungen wurden eher schöngeredet als direkt adressiert. Wir schoben die Warnung mit Schulternzucken in den Hinterkopf. Die Vorfreude auf die kommende Skitour war schlicht zu gross.

Gegen 14:30 bogen wir von der längsten durchgehenden Strassenverbindung in Skandinavien, der Europastrasse E6, auf die Strasse 812 in Richtung Saltfjellet-Svartisen National Park ab. Die Strasse führte über 2 Bergpässe, wir würden das in der Schweiz Hügelstrassen nennen, nach Moldjord. Moldjord war das letzte Dorf mit einer Tankstelle und einem Coop, bevor wir endgültig weg von der Zivilisation in das Tal entlang des Beiarelva abbogen.

In der Hütte angekommen, ging wie üblich die Vorbereitung auf die Tour vom nächsten Tag los. Desaster! Tim hat seine Skistöcke in der Schweiz vergessen. Der Besitzer der Hütte leihte uns gerne seine aus. Als wir die Stöcke bei ihm zuhause abholten, war auch der Bürgermeister der Kommune Beiarn bei ihm zu Besuch. Nach ein wenig Smalltalk kam dann aber doch eine recht direkte Warnung zum Wetter, welches auf uns zurollte. «Guys it’s going to be really dangerous, the temperatures will rise by 10 degrees tomorrow”. Die Devise: höchste Vorsicht am nächsten Tag.

Bei erstem Licht ging es los. Die Temperaturen waren nach wie vor kalt genug. Wir entschieden uns, die Tour anzutreten. Mit ABS-Rucksäcken und letztem Gruppencheck per LVS ging der Aufstieg los. Die ersten hundert Meter fühlten sich wie eine Ewigkeit an. Da wir auf der ganzen Tour Content in Form von Fotos und Videos erstellen wollten ging der Aufstieg schleppend voran. Alle paar Meter gab es Stopps für Fotos, Drohnenaufnahmen und Objektivwechsel. Nach weiteren hundert Höhenmetern meldete sich Tim. Er musste Pause machen. Sein Asthma, welches als für geheilt gehalten wurde, meldete sich. Das Luftholen war stark eingeschränkt. Good News, nach dem Finden eines guten Rhythmus verabschiedete sich das Asthma wieder und lies uns wieder mit zügigen Tempo den 1500 Meter hohen «Tinden» erklimmen.

Nach zwei Stunden holte uns das Wetter ein. Wir spürten, wie die Temperaturen zu steigen begannen. Wolken zogen auf und ein starker Schneefall setzte ein. Nun war der make-or-break-point erreicht. Wir mussten entscheiden, ob wir weitergehen oder hier einen Rückzieher machen, um einem allfälligen Sturm mit Regen zu entfliehen.

Nach den üblichen Sicherheitschecks mit dem Konsultieren von unzähligen Wetterapps und 3D-Karten, entschieden wir uns, weiter zu gehen. Die Sicherheit war zu diesem Zeitpunkt gewährleistet und somit grünes Licht für den weiteren Anstieg.

Je weiter wir den Tinden bestiegen, desto besser wurde der Schnee. Auf halber Strecke war der Schnee bereits so verlockend, dass beinahe die Bindungen umgestellt und ein paar Schwünge gezogen wurden. Wir konnten uns jedoch zügeln und gingen zielgerichtet weiter nach oben.

Das Gebiet des Saltfjellet-Svartisen National Park wird häufig als Miniatur Version von Norwegen betitelt. Über tiefe Fjorde, steile Berge, Fichten- und üppige Birkenwälder ist alles auf diesem Gebiet vertreten. Wir liessen die letzten Birken hinter uns und näherten uns den letzten hundert Höhenmetern, welche durch schroffe Felsen und Powder Kissen übersät waren.

Wie aus einem Märchenbuch zitiert, drückte exakt mit den letzten Schritten bis zum Gipfel die Sonne durch die dichten Wolken. Der Schneefall wurde weniger und die Stimmung war auf einem Allzeit-Hoch. Was folgte war die spektakulärste Abfahrt, welche wir in dieser Saison machen durften. 40 Zentimeter Powder auf den ersten hundert Metern. Ein tolles Gefälle, welches lange, schnelle Schwünge möglich machte. Ein paar vereinzelte Powder-Kissen, welche zu ein paar Sprüngen einluden.

Wir bogen in den Birkenwald ein, welcher den meisten Schnee für uns bereithielt. Dort wurden die Black Crows und Atomic’s auf Herz und Nieren getestet. Durch kurze, kraftvolle Schwünge waren Faceshots auf der Menüliste.

Wir genossen die Abfahrt in vollen Zügen, leider war sie wie immer viel zu schnell vorbei. Die Hütte konnten wir direkt per Ski anfahren und in die Sauna hüpfen. Als wir nach einem kurzen, intensiven Saunadurchgang zur Hütte gingen, öffneten sich die Schleusen. Der Regen hatte uns erreicht. Innerhalb von 30 Minuten änderten sich die Temperaturen um 5°C. Der leichte Schneefall, den wir auf der Abfahrt noch hatten, änderte sich schlagartig in einen strömenden Regen.

Norwegen hat uns verschont und sich dabei von der besten Seite gezeigt. Skitouren in Norwegen – von der Bucketlist gestrichen. We will be back for more!


Publish date:
März 1, 2023
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