Bündner im Wilden Westen

Ein Freeride-Abenteuer in den westlichsten Schweizer Alpen

Bericht von Ivo Becker (Go Vertical Ambassador)

Nach einem Neuschneefall machten sich Gianni und ich Mitte März auf den Weg nach Chamonix. Ganz am anderen Ende der uns vertrauten Schweiz gelegen, wartete dort Neuland – ein Abenteuer, das uns weit über bekannte Grenzen führte. Dies ist die Geschichte eines unserer erlebnisreichsten Tage.

Doch zuerst noch zu unserem Zustieg ins Gebiet. Am 16. März 2025 starteten wir in Grands Montets und querten über den Col du Chardonnet – der, wie wir feststellen mussten, nichts mit Chardonnay zu tun hat. Der Aufstieg im nassen, klebrigen Neuschnee war kräftezehrend. Die schweren Rucksäcke und die Sonne, die zusammen mit dem nebligen Dunst eine kleine Sauna zauberte, machten uns zusätzlich zu schaffen. Es war anstrengender als erwartet, doch dafür wurden wir mit einer frisch verschneiten Bergwelt belohnt, wie sie schöner nicht hätte sein können.

Am 19. März war es dann endlich so weit: Die Bedingungen stimmten – endlich! Die Tage zuvor hatte sich der Neuschnee noch setzen müssen, eine klassische Schwachschicht hatte sich gebildet – ein typisches Altschneeproblem. Meine Geduld wurde auf die Probe gestellt, aber mit einem erfahrenen Partner wie Gianni an der Seite konnten wir die Situation vernünftig einschätzen und abwarten.

Früh am Morgen, beim vierten Ovomaltine-Müesli mit Wasser und Kondensmilch, lag Spannung in der Luft. Am Vorabend hatten wir unsere Tour geplant und einem steileren, nordexponierten Hang grünes Licht gegeben. Als Gianni am Morgen Zweifel anmeldete, wollte ich davon zunächst nichts wissen – ich wollte endlich in den Powder, die Lage vor Ort erkunden. Dabei ist es entscheidend, auch auf das Bauchgefühl des Partners zu hören – besonders, wenn man vorhat, in einen steilen Nordhang mit eventuellem Altschneeproblem einzusteigen.

Die Unruhe beschäftigte mich so sehr, dass ich mein Hochtourengurt vergass. Erst nach hundert Höhenmetern habe ich es bemerkt – und musste nochmals zurück zur Hütte. Ein etwas holpriger Start in den Tag.

Unser erstes Ziel war ein Abschnitt des nordexponierten Faces der Aiguille d’Argentière. Doch vor Ort zeigte sich: Wind und kleinere Schneebretter hatten die Fläche unruhig und unberechenbar gemacht – nicht gerade einladend zum „Senden“.

Also hiess es: Planänderung. Wir drehten um 180 Grad, nutzten die Gelegenheit aber noch, um das nordwestlich ausgerichtete Face des Grand Luy ins Visier zu nehmen. So konnten wir bereits einen ersten visuellen Eindruck unserer zweiten geplanten Abfahrt gewinnen – oder wie Gianni es ausdrückt: „Schon einmal im Kopf senden.“

Plan B steckte zum Glück griffbereit in der Tasche unserer Freeridehosen.

Wir entdeckten eine nordostexponierte Schneise unterhalb der Aiguille d’Argentière. Nach Schneeprofil und Bauchgefühl war klar: Go! Der Bootpack war eindrücklich – steil, direkt, anspruchsvoll. Immer wieder prasselten kleine Schnee- und Eiskugeln wie Geschosse auf uns nieder. Was auf der Karte unscheinbar wirkt, ist in dieser Region oft von massiven Dimensionen.

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Die letzten Meter mussten wir über Fels klettern. Gianni bahnte den Weg, und schliesslich standen wir oben – Ich möchte es nicht mit Free-Solo Klettern vergleichen, aber runterfallen war keine Option.

Wir gönnten uns eine kurze Pause auf dem luftigen Thron, dann folgte die Action. Die Ski anzuschnallen, ohne sie abstürzen zu lassen, ist in so einem Gelände ein Moment höchster Konzentration.

Dann durfte ich endlich hinein droppen – und es fühlte sich richtig gut an. Race-Powder, steil, direkt – perfekte Steep-Skiing-Freeride-Bedingungen. Einzig die Frage nach dem Sluff beschäftigte mich: Wie schnell kommt er, und von wo? Glücklicherweise zog der Schnee nach links ab, während ich mich stets leicht rechts halten konnte. Am Ende brannten die Beine – ich musste alles geben, um die letzten Schwünge sauber zu fahren, bevor ich den Ski frei laufen liess. Das Gefühl von Geschwindigkeit, von Fliegen, war umwerfend.

Unten angekommen war ich überwältigt von Glücksgefühlen. Mein Körper zitterte. Ich hätte weinen können, so froh war ich, dass alles aufgegangen war. Gianni folgte kurz darauf – unsere Freude war riesig. Alles, was jetzt noch kommen sollte, war Bonus. Nach kurzer Erholung machten wir uns bereit für Teil zwei. Felle aufziehen und in Richtung des 3.508 Meter hohen Grand Luy. Der Aufstieg zur Col de la Grand-Luy lief erstaunlich gut – doch im Schatten wurde es kalt, fordernd, und über die Passhöhe wären Steigeisen schlauer gewesen. Auf der anderen Seite begrüsste uns jedoch die Sonne mit einem Panorama, das Kraft schenkte.

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Der Zugang zur zweiten Abfahrt, dem hinteren Couloir des Grand Luy, war nicht eindeutig. Wir stiegen zuerst eine vermeintlich passende Stelle hoch, nur um festzustellen, dass wir zu weit rechts gelandet waren. Ich ärgerte mich über meinen Orientierungssinn. Doch Gianni suchte pragmatisch den einfachsten Weg nach unten – nicht den, den wir gekommen waren. Denn nochmals da runterzuklettern und über das Eis zu steigen, hätte ich nicht gewollt. Glücklicherweise konnten wir gut abklettern und fanden schliesslich den richtigen Einstieg. Hätten wir nur früher gemerkt, dass wir links um den Fels hätten gehen müssen … Trotz schwindender Energie stimmte das Timing: Die letzten Sonnenstrahlen erleuchteten die Nordwestabfahrt. Ein magischer Moment. Die Line war nicht mehr so anspruchsvoll, aber wunderschön.

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Unten angekommen, mussten wir nur noch den Weg zur Hütte meistern. Dort erwarteten uns ein abgelaufenes Bier, Eistee – und die letzten Sonnenstrahlen des Tages.

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Ein Tag, der sich tief eingebrannt hat – intensiv, lehrreich, erfüllend. Ich bin dankbar, dass wir in den westlichsten Ausläufern der Schweizer Alpen ein solches Abenteuer erleben durften.

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Publish date:
April 23, 2025
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