Les Calanques

La promesse des profondeurs

Ivo Becker (Go Vertical Ambassador)

Cassis, diese charmante Stadt an der französischen Riviera, ist ein wahres Juwel und ein Muss für alle, die nach einem atemberaubenden Urlaub suchen. Die Hafenpromenade von Cassis ist einfach malerisch und bietet einen wunderschönen Blick auf das kristallklare Mittelmeer. Aber nicht nur die wunderschöne Landschaft macht Cassis zu einem unvergesslichen Urlaubsziel, sondern auch die unglaubliche Möglichkeit des Sportkletterns.

Es war faszinierend zu entdecken, dass rund um Cassis einige der atemberaubendsten Sportklettergärten und Mehrseillängengebiete in der Umgebung lagen. Wir waren sprachlos von der Vielfalt an Routen und Schwierigkeiten, die uns zur Verfügung standen. Vor allem das Naturschutzgebiet les Calanques hat unsere Abenteuerlust geweckt und uns dazu inspiriert, eine unvergessliche Kletterreise in dieser Region zu unternehmen. Wir verbrachten dort wundervolle Kletterferien und genossen jede Minute davon.

Doch das Beste kam noch am letzten Tag, als wir uns entschieden, das ultimative Mehrseillängen-Erlebnis zu genießen und uns über eine Klippe bis auf Meereshöhe abseilten. Der Adrenalinschub und die Freude, die wir dabei empfanden, waren unbeschreiblich. Doch dieser Tag war nicht ohne Überraschungen.

Unser Abenteuer begann, als wir unser Auto auf dem Parkplatz La Presqu’île abstellten und uns auf den gut ausgeschilderten Weg durch die atemberaubenden Calanques zum Calanque d’En-vau machten. Wir waren voller Vorfreude, als wir endlich den Calanque d’En-vau erreichten. Die Aussicht auf das glitzernde Meer war atemberaubend, und der Anblick der majestätischen Felsen, die in den Himmel ragten, war einfach unvergesslich.

Von diesem Punkt aus haben wir uns entlang der Klippe hinaufgekraxelt, an der man eine kurze Route im Klettergrad 5a bewältigen muss. Anschließend folgten wir den Wegen der Klippe, bis wir auf einer Felsfläche eine Abseilstelle entdeckten, die mit einem roten Schriftzug namens “Dents de la mer” markiert war. Wir wussten, dass nun das eigentliche Abenteuer beginnen würde. Der Wind pfiff uns um die Ohren und es war äußerst beängstigend, sich dreimal 50 Meter die Klippe hinabzuseilen.

Abseilpise “Dents de la mer”

Das Ziel war die Route La Promesse des Profondeurs (Das Versprechen der Tiefe). Der Name ist Programm, denn man endet nach dem Abseilen wirklich in den tiefen der Klippe in einer Höhle, in welcher das Meer gegen die Wände peitscht. Es war nicht einfach den Start der Route zu finden, da man wirklich in die tiefen der Höhle gehen muss und die Bolts nicht direkt erkennbar sind. Nun waren wir bereit für die sechs Seillängen (L1 5c, L2 6a, L3 5a, L4 6a, L5 6b, L6 6b)

Die erste Seillänge beginnt schon sehr interessant. Man schlängelt sich durch einen Kamin direkt über dem Wasser hoch zum ersten Stand. Es ist eindrücklich, wenn man während dem Klettern hört, wie die Wassermassen auf den Fels auftreffen. Die Herausforderung der zweiten Seillänge besteht darin, sandige Sloper-Griffe zu bewältigen, die einen bis zu einem majestätischen Torbogen führen, den man durchklettern muss, um zur nächsten Seillänge zu gelangen. Die nächste Seillänge ist eine 5a, die den Weg frei bahnt für das Grande Finale. Mit einer 6a und zwei 6b.

Als ich in die nächste Seillänge eingestiegen bin, war ich voller Vorfreude und wusste nicht, was mich erwartet. Doch ich hätte mir niemals vorstellen können, dass ich auf einen völlig neuen Kletterstil treffen würde.

Ich startete gut in die Seillänge und konnte schnell an Höhe gewinnen, aber plötzlich wurde es schwieriger und ich erkannte intuitiv, dass ich beide Wände der Höhle brauchte, um weiterzukommen. Mutig folgte ich den Bolts, doch dann verlor ich die Orientierung und wusste nicht mehr, wo oben, unten, links oder rechts war. Ich hatte noch nie so eine Kletterroute erlebt und ich konnte keine Bolts mehr sehen.

Ich musste mich beruhigen und neu fokussieren, um in dieser Höhle wieder Orientierung zu finden. Plötzlich hatte ich so viele Klettermöglichkeiten, dass ich mich fragte, in welche Richtung ich weiterklettern sollte. Die Kletterroute bestand nicht mehr nur aus einer Wand, sondern es gab Felsen rundherum zum Klettern.

Endlich fand ich den nächsten Bolt und konnte die Route weiterklettern, bis ich den schmalen Felsbogen sah, um den Stand zu machen. Um auf das kleine Plateau zu gelangen, stand ich im Spagat zwischen den beiden Wänden und musste mich an einem Stalaktiten (Von der Decke hängender Tropfstein) vorbeugen.

Diese Seillänge kostete mich viel Nerven und war anspruchsvoller als ich es mir vorgestellt hatte.

Anschließend erforderte es erneut Mut, in das vermeintlichen Nichts herauszuklettern, um wieder eine “normale” Felswand zu erreichen. Zum Glück war dieser Abschnitt gut gesichert und wir konnten den schattigen, windigen und ausgesetzten, aber auch atemberaubenden Standplatz hinter uns lassen.

Die letzten beiden 6b-Seillängen waren ein wahrer Genuss. Ich fühlte mich lebendig in der Sonne auf einer übersichtlichen Felswand mit intuitiver Kletterei zu klettern und tat genau das, wofür wir in den Urlaub gekommen waren – das Klettern zu genießen.

Nach all unseren Strapazen kühlten wir uns am malerischen Strand mit türkisblauem Wasser der Calanque d’En-vau ab. Es war der letzte Tag unseres Urlaubs, den wir niemals vergessen werden.

Unterkunft: Da Cassis in der Nähe von Marseille liegt und wir von Diebstählen gehört hatten, entschieden wir uns gegen das Wild Campen und für einen sicheren Stellplatz auf dem Camping Les Cigales. Der Campingplatz befindet sich am Hang von Cassis und bietet eine tolle Aussicht auf die Umgebung. Die Einrichtungen waren sehr angenehm und die Nähe zum Zentrum hat uns sehr überzeugt.

Kletterführer: Um die Kletterrouten rund um die Calanques zu erkunden, hatten wir den Kletterführer “France: Côte d’Azur” dabei. Der Führer war übersichtlich und detailliert, jedoch fanden wir die Beschreibung unserer spezifischen Route im Buch “Les Grimpeurs: Climbing in the Calanques”, welches noch ausführlicher war.

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Publish date:
April 28, 2023
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